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Lebensraum für viele Spezialisten - Der Wald besteht nicht nur aus Bäumen

Der Wald bietet zahlreichen Tieren und Pflanzen besondere Lebensbedingungen. Das Mikroklima ist ausgeglichener als im Offenland. Die Unterschiede zwischen den höchsten und den niedrigsten Temperaturen sind deutlich geringer als auf Feld und Acker. Die Feuchtigkeitswerte unterliegen nicht der hohen Variabilität einer Wiese. Durch das Blätterdach und die Schatten werfenden Stämme und Äste ist es im Wald dunkler als außerhalb. Gerade das Holz bietet zahlreichen Arten Lebensraum, die außerhalb des Waldes nicht existieren könnten. Aber auch der meist feuchte Boden und die Blätter der Bäume sind für ein funktionierendes Ökosystem von hoher Bedeutung. Im Folgenden ein Blick auf Tiergruppen, die nicht so bekannt sind wie Reh, Wildschwein oder Wildkatze.

Der Wald ist mehr als nur Holz. Und Holz ist nicht gleich Holz. Viele der holzbewohnenden (xylobionten) Insekten sind auf wenige Gehölzarten oder Waldtypen spezialisiert. So ist der tagaktive Nachtfalter Nagelfleck eine Charakterart der Buchenwälder, da sich seine Raupen überwiegend von Buchenblättern ernähren. Der Grubenhalsbock (Arhopalus rusticus (Linné, 1758)) ist nur im Nadelwald zu finden, wohingegen der Eichenheldbock (Cerambyx cerdo Linné, 1758) in Mitteleuropa ausschließlich an Eichen lebt. Rüssel- und Blattkäfer sind ebenfalls häufig an eine oder wenige Pflanzenarten gebunden, wie der Eichenerdfloh (Altica quercetorum Foudras, 1860) oder der Erlenblattkäfer (Agelastica alni (Linné, 1758)). Ihr Lebensraum in den Wäldern ist neben der Krautschicht vor allem der Kronenbereich.  Wesentlich für das Vorkommen von Gliedertieren ist jedoch nicht nur die Gehölzart. In vielen Fällen sind die Tiere von der Zersetzungsphase des Holzes abhängig. Nur wenige Käfer dringen in gesundes Holz ein. Hierzu zählen der auch in Deutschland eingeschleppte Citrus- und der Asiatische Laubholzbock. Unter der Rinde meist kranker Bäume entwickeln sich viele Käferarten, darunter Borkenkäfer, einige Schwarzkäfer der Gattung Corticeus oder der Raub-Plattkäfer (Uleiota planata (Linné, 1761)) häufig in großer Zahl. Der Rostbraune Plattkäfer (Pediacus depressus (Herbst, 1797)) lebt ausschließlich unter Eichenrinde. Zur Larvenentwicklung benötigt eine hohe Zahl von Insekten und anderen kleinen Tieren den Mulm von Baumhöhlen oder abgestorbenen Bäumen. Doch auch Mulm ist nicht gleich Mulm. Hierbei hängt es von der Baumart, den Feuchtigkeitsverhältnissen und dem Zersetzungsgrad ab, welche Lebensgemeinschaft sich entwickelt.

Bereits an der Form des Käfers ist der Lebensraum gelegentlich erkennbar. So sind die unter der Rinde lebenden Plattkäfer stark abgeflacht. Borkenkäfer und andere holzbewohnende Arten besitzen als erwachsene Käfer charakteristische Flügeldeckenenden, mit denen sie beim Rückwärtskriechen Bohrmehl und Exkremente aus den Fraßgängen hinausschieben. Die Larven holzfressender Arten haben einen sehr großen Darm mit einer reichen Bakterienflora, die das Lignin für den Käfer aufspaltet. Beispiele hierfür sind die Hirsch-, Nashorn- und Rosenkäfer.

Nicht nur auf dem Waldboden wachsen Pilze. Sie zersetzen totes organisches Material. An stehendem Totholz sitzen Schwefelporling oder Zunderschwamm, worin sich wiederum Käfer entwickeln. Hierzu zählen zum Beispiel die Familie der Baumschwammkäfer (Ciidae) und einige Schwarzkäfer (Bolito-phagus, Platydema u.a.). Wie beim Mulm, so sind auch bei den Pilzen mikroklimatische Faktoren für die Besiedlungsmöglichkeiten durch Insekten maßgebend. Im Waldesinnern zersetzen sich die Pilze deutlich schneller als an Lichtungen, Wegen und Waldrändern.

Auf und im Waldboden leben die Zersetzer (Destruenten) und viele räuberisch lebende Insekten. Zu den Gruppen, die tote organische Substanzen abbauen, zählen neben den Regenwürmern, Schnecken und Asseln auch der lila glänzende Mistkäfer (Anoplotrupes stercorosus (Scriba, 1791)), dem die wichtige Aufgabe des Abbaus von Säugetierkot zukommt. Die meisten Laufkäfer und Kurzflügelkäfer jagen Insekten, Spinnen, manchmal auch Schnecken. In Jahren, in denen Raupen des Schwammspinners (Lymantria dispar (Linné, 1758)) Baumkronen kahlfressen, kommt der dann zahlreiche Kleine Puppenräuber (Calosoma inquisitor (Linné, 1758)) auf seine Kosten, der in Eichenwäldern nicht nur am Boden, sondern auch auf den Bäumen den Raupen nachstellt.

Der dichte Wald ist kein abgeschlossener Lebensraum. Es existieren zahlreiche Wechselwirkungen zum offenen Land. Wärmeliebende Gehölzkäfer sind an sonnigen Waldrändern anzutreffen. Einige Käferarten, so der Schmalbock (Stenurella nigra (Linné, 1758)), der Glänzender Eckschild-Prachtkäfer (Anthaxia nitidula (Linné, 1758)) und der zu den Blatthornkäfern gehörende Stolperkäfer (Valgus hemipterus Linné, 1758), entwickeln sich im Holz und benötigen als erwachsene Käfer Blüten als Nahrungsgrundlage. In durchgängig dunklen Wäldern gibt es für sie keinen geeigneten Lebensraum. Sie benötigen Wälder mit offenen, blütenreichen Stellen. Diese können sich auf Windwurfflächen, unter freigehaltenen Hochspannungsleitungen oder am Rande breiter Waldwege befinden. Nicht nur Käfer brauchen offene Flächen im Wald. Auch unter den Schmetterlingen befinden sich Arten, die Wälder benötigen, in denen das Sonnenlicht auf den Boden fällt: die Lichtwaldarten, von denen einige, z.B. der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis (Esper, 1779)), vom lokalen Aussterben bedroht sind.

Der Lebensraum Wald ist ein hochkomplexes System. Viele Zusammenhänge sind darin noch unbekannt. Auch im Saarland sind noch viele Fragen offen. So sind neben vielen anderen Gruppen im Wald selbst die Käfer, die größte Ordnung im Tierreich, im Saarland noch nicht ausreichend erforscht. Es fehlen vor allem langfristig angelegte Forschungen über die Entwicklung von Lebensgemeinschaften in den saarländischen Wäldern, insbesondere in den Naturwaldzellen/Totalschutzgebieten und zum Vorkommen bestimmter Leitarten. In anderen Regionen Deutschlands ist man bereits weiter. So wurden im Steigerwald die Vögel, Pilze, Landschnecken und auch die xylobionten Käfer untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Bei allen Organismengruppen steigt der Anteil der Naturnähe anzeigenden Arten im "intensiven Wirtschaftswald" über "naturschutzorientierte Waldwirtschaft" zum "absoluten Nutzungsverzicht und Prozessschutz" stark an. Wobei die Vögel aufgrund ihrer hohen Mobilität neu entwickelte adäquate Biotope rascher besiedeln können als die anderen Gruppen.

Ungefähr ein Viertel der fast 6.000 in Mitteleuropa vorkommenden Käferarten lebt an Holz oder an Holzpilzen. Von dieser Gruppe gelten rund 60 Prozent als gefährdet oder ausgestorben. Um diesen Arten dauerhaft Lebensraum zu erhalten, sind mehrere Maßnahmen im Wald von großer Bedeutung:
- Ein hoher Anteil an Alt- und Totholz soll auch im Wirtschaftswald verbleiben. Da stehendes Totholz andere Insektengemeinschaften beherbergt als liegendes, sind beide Strukturen wichtig. In älteren Laubwäldern müssen mindestens 20 Prozent des Vorrates auf der Fläche verbleiben und als Biotopbäume in den nachfolqenden Bestand einwachsen.
- Konsequente naturnahe, prozessschutzorientierte Bewirtschaftung, welche ein Mosaik von Waldentwicklungsstadien, insbesondere Alterungs- und Zersetzungsphasen, schafft.
- Windbruchflächen sollen nicht sofort wieder aufgeforstet werden. Sie sind Lichtoasen mit einer blütenreichen Ruderalvegetation, die vielen Insekten Lebensraum bieten.
- Gebrochene und vom Blitz gespaltene Stämme weisen zahlreiche Fugen auf, in denen sich holzbewohnende Arten aufhalten können. Diese Stämme dürfen nicht entfernt werden.
- Monokulturen, insbesondere von Fichten, sollen durch naturnahe Mischwälder ersetzt werden.
- Im Rahmen eines Biotopverbundsystems dürfen die Einzelflächen eine Größe von 50 ha nicht unterschreiten.

Der SaarForst Landesbetrieb als Bewirtschafter von rund 40.000 Hektar Staatswald legt in seiner kürzlich vorgelegten regionalen Biodiversitätsstrategie für den Teilbereich der subatlantischen Buchenwälder unter anderem einen Schwerpunkt auf die Förderung von Alt- und Totholzbiozönosen. Als Leit- und Reliktart für Buchen-Urwälder werden die Käfer Eremit (= Juchtenkäfer, Osmoderma eremita (Scopoli, 1763)), Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer (Limoniscus violaceus (Müller, 1821)) und Hirschkäfer (Lucanus cervus (Linné, 1758)) benannt. Erreichen will man deren Schutz mit zwei Teilstrategien:
- Sicherung der noch vorhandenen Resthabitate mit Urwald-Reliktarten und Vernetzung dieser Bereiche mit (relikt-)artenarmen Bereichen.
- Nachhaltiges Angebot von Biotopholz auf der gesamten übrigen Fläche.

Ob diese Strategien ausreichen werden, um die Lebensgemeinschaften zu schützen, wird sich in der Zukunft zeigen. Steht doch der Wald in dem Spannungsfeld der Frage, wie viel Holz genutzt und dem Ökosystem entnommen werden darf und wie viel Biomasse der Wald braucht, um die Lebensgemeinschaften von Altbeständen und Totholz zu sichern. Und dies angesichts stark gestiegener jährlicher Zuwachsraten von bis zu 11 Festmeter je Hektar im Wald, wie dies erste Ergebnisse der Stichprobeninventur für den Staatswald zeigen. Hinzu kommt aufgrund der hohen Energiepreise ein wahrer Brennholzboom. Geht man heute vor allem im siedlungsnahen Wald spazieren, fällt einem auf, wie wenig Totholz noch im Wald vorhanden ist. Jedes noch so kleine Stöckchen scheint im nächsten Holzofen zu landen.
Es wird daher eine sehr spannende Diskussion werden, mit welcher Intensität wir zukünftig unsere Wälder nutzen wollen. Der Wald besteht eben nicht nur aus Bäumen.

Quelle: http://www.bund-saar.de/themen_und_projekte/wald/wald_als_lebensraum/